26. November 2010
Hermann Hesse
Im Himmel
70569 Stuttgart


Offener Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart


Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

der Ausgangspunkt meiner Botschaft, die ich als schwäbischer Landsmann im Auftrag des Rates der Weisen zu überbringen habe, ist mein Gedicht „Bücher“, das ich wegen seiner engen Verwandtschaft Goethes Vermächtnis zur Seite stellen möchte: „Alle Bücher dieser Welt bringen dir kein Glück, doch sie weisen dich geheim, in dich selbst zurück. Dort ist alles was du brauchst, Sonne, Stern und Mond, denn das Licht danach du frugst, in dir selber wohnt…“. Also ein Bereich aller Möglichkeiten, der uns zur Nutzung zur Verfügung steht, wenn wir den Schlüssel dazu gefunden haben. Wie ist dies zu realisieren?

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat sich der Neuhumanismus auf der Suche nach einem zeitgemäßen Bildungsideal mit den antiken Hochkulturen befasst, in denen die Menschen ein glückliches, gesundes und erfülltes Leben geführt haben. Im Mittelpunkt standen Indologie und Hellenismus. Mit einem entsprechenden Bildungsideal müssten sich doch auch für die Neuzeit entsprechende kulturelle Werte verbunden mit materiellem Wohlstand erzielen lassen? So wurden an einer Reihe von Deutschen Hochschulen Lehrstühle der Indologie eingerichtet, die auch heute meist noch existent sind. Mit dieser Entwicklung ist der Name Wilhelm von Humboldt eng verbunden.

Das Hauptthema der Indologie sind die zeitlosen Veden, die ältesten Aufzeichnungen der Menschheitsgeschichte, die alle Lebensbereiche umfassen. Einer davon ist Yoga, Vereinigung. Und es ist schon faszinierend, festzustellen, dass Yoga wie unsere geistesgeschichtliche Tradition auch von dem Grundprinzip zweier Welten ausgeht, und den Weg beschreibt, wie beide zu unserer Selbstverwirklichung zu vereinen sind. Sie werden es schon vermuten, dass damit das Thema „Meditation“ angesprochen ist, das meinen „Siddharta“ zur Vollendung geführt hat. Keine Sorge, diese Mühen eines rein geistigen Lebens sind nicht aufzuwenden. Dem geistigen Weg ist „Karma Yoga“, Yoga der Handlung, für aktive Menschen ebenbürtig.

Die Zeit ist überreif für einen grundlegenden Wandel. Die kontinuierliche und intensive Auseinandersetzung um Stuttgart 21 zeigt, dass die Fundamente unserer Gesellschaft ins Wanken geraten sind und ein neuer Grundkonsens erforderlich ist.

Die alten Grundlagen leisten das nicht mehr. Die Menschen gehen zwar vordergründig für einen alternativen neuen Bahnhof, insgeheim aber für das Neue auf die Barrikaden, wie einst beim Sturm auf die Bastille in der französischen Revolution, die den Menschen die äußere Freiheit gebracht hat.

Das zweidimensionale Menschenbild und Bildungsideal, das unser Landsmann Friedrich Schiller vorgegeben hat, wird die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen erfüllen: „Jeder individuelle Mensch trägt der Anlage und Bestimmung nach einen reinen, idealen Menschen in sich, mit dessen unveränderlichen Einheit in allen seinen Abwechselungen überein zu stimmen, die große Aufgabe seines Daseins ist“ (Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 4. Brief). Altes Wissen aus Ost und West, einschließlich auch des Taoismus aus dem alten China, und neue wissenschaftliche Erkenntnisse geben sich die Hand, wie Kant sagt, „zur Realisierung eines transzendentalen - die Grenzen der 1. Dimension überschreitenden - Ideals“. Das Neue ist deshalb ein „Transzendentaler Neuhumanismus“, der den Menschen die innere Freiheit und volle Selbstverwirklichung bringen soll.

Die Meditationstechniken aus dem Yoga sind dabei der Schlüssel, der Transformator, dass aus dem Ideal auf sehr einfache und natürliche Art und Weise konkrete Wirklichkeit wird, die jeder Mensch nutzen kann. Sie vermitteln dem ganzheitlichen, zweidimensionalen abendländischen Denken ein hohes Realisierungspotenzial und vollenden damit die Idealvorstellung abendländischen Denkens seit dem alten Griechentum. Darüber wird der Rat der Weisen in Kürze seine Empfehlung auf dieser Website veröffentlichen.

Mit himmlischen Grüßen

Hermann Hesse