24. November 2010
Johann Wolfgang von Goethe
Im Himmel
70569 Stuttgart


Offener Brief an den Vorsitzenden des Vorstands der Deutschen Bahn AG


Sehr geehrter Herr Dr. Grube,

der Rat der Weisen, der mich gebeten hat, Sie zu kontaktieren, ist ein „Fahrgastverband“ der eigenen Art. Neben Reisen nach geographischen Zielen, ist sein besonderes Thema das Reisen nach innen, um diese andere Welt in unserem innersten Selbst kennen zu lernen und zu nutzen. Also Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung, schon von den Alten Griechen stammend, die Kant zur regelmäßigen Pflichtreise eines jeden Einzelnen erklärt hat. Uns vereint die feste Überzeugung, dass wir in zwei Welten leben, einer materiellen und einer ideellen, die wir beide für uns gewinnen sollen. Spinoza hat sie als Welt der Substanz, der ewig geltenden Grundprinzipien und Naturgesetze sowie zum andern als die Welt der Modalitäten, der sich ständig dynamisch verändernden gegenständlichen Welt, bezeichnet.

Als vielgereister und weltoffener Frankfurter wende ich mich an Sie als Bahnchef, der das Projekt Stuttgart 21 als wichtiges europäisches Verkehrsprojekt zusammen mit der Politik zu vertreten hat, um dessen Bezugspunkte zu beiden Aspekten darzustellen.

Für mich war Reisen immer mit dem Sammeln von Eindrücken, ihrer Schönheit und Charakteristik, eine erhebende persönliche Bereicherung, Zwischenstationen auf der Reise in die 2. Dimension. Heute dient es vorwiegend der schnellstmöglichen Überwindung von Distanzen. Dazu sollen bei dem Gesamtprojekt wie man hört, ca. 60 km Tunnelröhren beitragen, die von Hochgeschwindigkeitszügen durchrast werden. Das erinnert mich an die Geschichte von Orpheus in der Unterwelt, der dort einen geliebten Menschen unter strengen Auflagen aus den Fängen des Todes befreien wollte.

Komplex und kompliziert, der Expertenrat divergierend und die Wechselwirkungen mit den vielschichtigen Systemen der Natur nicht vollständig in den Griff zu bekommen; der besorgte Bürger fragt sich zurecht, welche bisher noch nicht bekannten Probleme stellen sich in der Bauphase, bei der Inbetriebnahme und im Alltagsbetrieb heraus. Ganz abgesehen von der Entwicklung der Kosten.

An diesem Großprojekt erkennen wir beispielhaft ein Grundphänomen unserer Zeit. Unsere materielle Welt in der wir leben, wird immer großräumiger und gleichzeitig immer differenzierter. Wir suchen durch fortschreitende Globalisierung und immer noch anspruchsvollere Technik den Rahmen unserer Möglichkeiten ständig zu erweitern, teils getrieben von einem harten Wettbewerb, teils durch den eigenen Ehrgeiz, immer noch besser zu werden. Der Tribut, den wir dafür zu bezahlen haben, ist zunehmende Hektik, Zeit- und Leistungsdruck, Informationsflut und Objektbezogenheit. Eine Einbahnstraße, die die Reise auf dem Weg nach innen fast völlig blockiert. Deshalb haben wir auch gezwungenermaßen uns eine „Ersatzordnung“ geschaffen, die eine „Parallelordnung“ zur natürlichen darstellt.

Dies führt zu immer mehr Stress und innerer Unfreiheit, da wir vielfach der Getriebene der Situation sind. Wir kommen immer mehr an die Grenzen unserer heutigen physischen und psychischen Ressourcen und überschreiten sie sogar häufig. Die Folgen sind zunehmende Probleme in allen Lebensbereichen bis hin zu chaotischen Entwicklungen, die immer schwieriger in Griff zu bekommen sind. Eine typische Situation, wie ich sie in meinem Gedicht „Der Zauberlehrling“ beschrieben habe. Die von uns aufgestellte „Parallelordnung“ wird den an sie gestellten Leistungsanforderungen immer weniger gerecht. Und das spüren die Bürger und fordern mit ihrem Protest insgeheim einen Systemwechsel, der sich oberflächlich an der Frage Bahnhof unter oder über der Erde festmacht. Die Schlichtung müsste sich, um wirklich erfolgreich zu sein, zuerst mit dieser Frage auseinandersetzen. Um dann ganz natürlich zu einer optimalen Bahnhofslösung zu kommen.

Die gesamte Natur entfaltet sich aus einer 2. ideellen Dimension heraus. Ein absoluter Bereich unendlicher Intelligenz und Ordnung, der sämtliche Naturgesetze beinhaltet, nach deren Maßgabe die vordergründige Welt der Erscheinungen in einem ständigen Wandel von Werden und Vergehen gelenkt wird. Auch wir sind Teil dieser Ordnung. Aus zwei vereinigten Zellen ist ein Organismus von über 100 000 Milliarden Zellen entstanden, der in jeder Sekunde ca. 7 Millionen Zellen neu kreiert. Eine phänomenale Leistung! Unser Geist und Intellekt hat sich kraft seiner Willensfreiheit weitgehend aus diesem Verband zurückgezogen und in der erwähnten „Parallelordnung“ mehr und mehr eigene Wege beschritten.

Die Natur arbeitet nach dem „Prinzip der Einheit in der Vielfalt“ und stellt ständig den Rückbezug in die Grundordnung her, damit systemwidrige Fehlentwicklungen unterbunden und so eine hohe Geordnetheit des Gesamtsystems aufrecht erhalten werden kann. Diese Fähigkeit besitzt unsere „Parallelordnung“ nicht. Sie ist deshalb gezwungen, unendlich viele Wechselbeziehungen - die sie häufig gar nicht kennt - in ihrem Entscheidungsraster zu berücksichtigen. Dazu ist sie natürlich nicht in der Lage und tendiert deshalb zu häufigen Fehlentscheidungen, die aufgrund der hohen Interdependenz mit den natürlichen Systemen diese - weil systemfremd - häufig verletzen. Die Absicht, in dieser Situation umweltbewusst zu agieren, ist sehr lobenswert, aber nicht viel mehr als der Tropfen auf dem heißen Stein und nicht die erforderliche Alternative. Wir benötigen ganz einfach einen Systemwechsel mit „Integration in die Ordnung der Natur“, diese 2. Dimension, die der Welt der Erscheinungen und des ständigen Wandels zugrunde liegt.

Die moderne Quantenphysik unterstützt uns ganz wesentlich bei dieser Spurensuche. Sie definiert als Grundlage aller physikalischen Systeme, Kräfte und Partikel ein abstraktes „Einheitliches Feld“. Dieses ist identisch mit der beschriebenen 2. Dimension und befreit sie von einem mystischen Dunkel. Aber wie dorthin gelangen? In meinem Gedicht „Vermächtnis“ habe ich folgenden Hinweis gegeben: „Kein Wesen kann zu nichts zerfallen! Das Ewge regt sich fort in allen… Sofort nun wende dich nach innen: Das Zentrum findest du da drinnen, woran kein Edler zweifeln mag, wirst keine Regel da vermissen“.

Wegweisend war für mich neben Spinoza u. a. die „Deutsche Mystik“. Ihr bedeutendster Vertreter Meister Eckehart sprach von der zu erreichenden geistlichen Armut, ein Zustand des ganz bei sich selbst zu sein, der Transformator dorthin. Das weibliche und europäische Pendant dazu ist Theresa von Avila. Es mag für die damalige Zeit ein gangbarer Weg gewesen sein, durch Reflexion - das Befassen mit dem Wahren, Schönen und Guten - wie Schiller sagt, durch Andacht, Exerzitien oder auf andere Weise diese einfache Geisteshaltung und damit den Weg nach Innen zu finden. Unser Technisches Zeitalter, das in extremer Weise den Weg nach außen beschreitet, verlangt nach mehr. Hermann Hesse wird uns im nächsten Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart in unserem Diskurs dabei einen wesentlichen Schritt weiterbringen.

Mit himmlischen Grüßen

Johann Wolfgang von Goethe