19. November 2010
Friedrich Schiller
Im Himmel
70569 Stuttgart


Offener Brief an den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

beim Projekt Stuttgart 21 ist guter Rat teuer. In dieser fast ausweglosen Situation melde ich mich als ehemaliger Landsmann und Teilzeit-Stuttgarter um Ihnen aus der geistigen Dimension des Rates der Weisen zur Klärung der Situation einige grundsätzliche Betrachtungen zu übermitteln.

Wir beklagen generell die ausgeprägte Schieflage der Gesellschaft mit extremer Überbetonung materieller Interessen, der stets andere Wertvorstellungen weichen müssen. Es ist natürlich sehr faszinierend, welche Erfolge die rasante technische Entwicklung in den vergangenen 150 Jahren erzielt und für Wohlstand und materielle Unabhängigkeit gesorgt hat. Trotzdem sind Millionen von Menschen in Deutschland arbeitslos und noch mehr von Armut bedroht. Diejenigen, die im Arbeitsprozess stehen, haben die äußere Freiheit, die uns die demokratische Entwicklung gebracht hat, mit innerer Unfreiheit durch Hektik, Zeitdruck und Informationsüberflutung teuer bezahlt.

Die geistige Entwicklung, wie wir sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts erreicht hatten, ist dort stehen geblieben, ja sie hat sich sogar zurückgebildet und wird überdeckt von einem einseitigen technischen Fortschrittsglauben, der fast alles für möglich hält. Wir wollen mit der Raumfahrt den Weltraum gewinnen, dabei verkümmern geistige Ressourcen.

Ist deshalb das Großprojekt Stuttgart 21 technischer Gigantismus, der Stuttgarter Tunnelbau ein moderner Turmbau zu Babel oder passt er sich synchron in eine dynamische Gesamtentwicklung ein, wenn wir eine noch zu erarbeitende ganzheitliche Betrachtungsweise zugrunde legen? Diese Frage ist zuerst zu klären, bevor wir eine endgültige Entscheidung pro oder contra treffen.

An die Stelle alter gesellschaftlicher Ungleichgewichte sind neue getreten. Eine Ideallinie haben die Weisen aller Zeiten vorgezeichnet, ihre Aussagen sind aber meist, weil unbequem, ungehört verhallt. Sie haben eine bestehende geistige Ordnung aufgezeigt, die eine optimale Weiterentwicklung ermöglicht. Wir haben unsere eigene gewählt.

Die „Aufklärung“ des 18. Jahrhunderts - Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit kraft seiner Vernunft - hat erkannt, dass wir uns von den natürlichen Vorgaben immer weiter entfernt haben und deshalb ernsthaft dagegen verstoßen, mit nachhaltigen negativen Folgen für uns. Exemplarisch für diese Betrachtung sei der Name Rousseau genannt. Wir verdanken das neue Menschenbild mit Immanuel Kant, der in seiner Kritik der reinen Vernunft in dem Untertitel „Von dem Transzendentalen Ideal“ ausgeführt hat: „Also ist es ein transzendentales Ideal, …auf welches alles Denken der Gegenstände überhaupt ihrem Inhalte nach zurückgeführt werden muss.“

In meinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ habe ich das weiter ausgeführt: „Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt der Anlage und Bestimmung nach einen reinen, idealen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechslungen übereinzustimmen, die große Aufgabe seines Daseins ist“ (4. Brief). Noch einprägsamer habe ich dies in meinem Gedicht „Die Worte des Wahns“ formuliert: „Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht, solang er die Schatten zu haschen sucht… Drum, edle Seele, entreiß dich dem Wahn und den himmlischen Glaube bewahre: Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn, es ist dennoch das Schöne, das Wahre! Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor, es ist in dir, du bringst es ewig hervor“.

Diese andere 2. Dimension, die Platon als „Welt der Ideen“ in seinem bekannten Höhlengleichnis beschreibt und unser Tübinger Landsmann Hegel als „der Geist, die Idee im reinen raum- und zeitlosen Zustand des An-und-für-sich- Seins“ bezeichnet, ist uns weitgehend abhanden gekommen. Wir bewegen uns meist nur noch vordergründig im Bereich der Veränderung mit seiner unendlichen Vielfalt und all seinen Möglichkeiten. Die Orientierung an der 2. Dimension und ihren Gesetzmäßigkeiten ist uns verloren gegangen.

Wir müssen erkennen, dass wir eine „Parallelordnung“ gegenüber der natürlichen Ordnung aufgebaut haben und unsererseits dorthin falsche Impulse setzen. Anstatt mit ihr synchron zu sein und über die Vorteile eines Systemnutzers zu verfügen, versuchen wir, mit unserem eigenen Ordnungssystem zu operieren. Die Antwort, die wir darauf bekommen, sind die unterschiedlichsten Sanktionen, individuell und kollektiv. Und die Gegenwart vermittelt uns den nachhaltigen Eindruck, dass wir damit die Grenzen unserer Möglichkeiten erreicht, ja sie bereits überschritten haben mit der Folge, dass Probleme und krisenhafte Situationen mit Abdriften in chaotische Zustände zunehmen. Die Welt als solche ist unendliche Ordnung. Es sind wir, die unbeherrschbare Unordnung produzieren und die Natur zu negativen Reaktionen provozieren.

Um nun zu unserer unmittelbaren Gegenwart in Sachen Stuttgart 21 zurück zu kommen. Das Bauchgefühl unserer Stuttgarter Mitbürger sagt ihnen, irgendetwas stimmt nicht, ohne sagen zu können, was es ist. Es ist deshalb Aufgabe der Politik, das erforderliche Grundvertrauen wiederherzustellen. Dies wird nur mit dem Einbeziehen der 2. Dimension gelingen.

Der Ansatzpunkt ist generell aufgezeigt, wir müssen, wie von der „Aufklärung“ erkannt, uns in die natürlichen Systeme integrieren. Einen pragmatischen Weg dazu wird uns der Rat der Weisen in zwei weiteren Briefen vermitteln. Mit der Bereitschaft, ganz neuen Denkimpulsen zu folgen, wird ein substanzieller Neuanfang gelingen und auch das optimale Projekt Stuttgart 21 zu finden sein.

Mit himmlischen Grüßen

Friedrich Schiller